An der Köpenicker Straße verkommt seit Jahren eine Bauruine. Kreative wollen den Ort nutzen – doch der Eigentümer beendet bereits laufende Verhandlungen.
Dass Berlin unfertig ist, gehört zur DNA dieser Stadt. Es gibt allerdings Orte, an denen das zu genau genommen wird. Die Köpenicker Straße 139/40 ist so ein Ort. Direkt an der Grenze zwischen Kreuzberg und Mitte, wenige Meter zur Spree gelegen. Dort steht ein Betonrohbau auf einem fast 3000 Quadratmeter großen Grundstück. Unfertig. Und rottet seit Jahren vor sich hin. Eine Ruine, mitten in Berlin.

An einem Dienstagnachmittag Ende Dezember hat sich eine Gruppe junger Männer und Frauen vor dem grauen Klotz mit den toten Fenstern und bunten Graffiti-Kritzeleien versammelt. Ein paar Schritte weiter türmen sich alte Sofas, Einkaufswagen und aussortierte Klamotten auf dem Bürgersteig.

Die Gruppe entrollt ein Banner: „Clubcommission“ steht darauf, in weißen Lettern auf schwarzem Grund. Sie wollen hier rein. „Wir brauchen Räume zum Experimentieren, zum Ausprobieren“, sagt Lutz Leichsenring, der Sprecher der Clubcommission. Damit Berlin kreativ bleibt. Bloß: „Die gibt es in der Innenstadt eigentlich nicht mehr.“

2005 plante ein Investor in der Köpenicker Straße 139/40 ein Seniorenheim mit 120 Betten. Weil er insolvent ging, wurde die Realisierung des Gebäudes 2007 unterbrochen, da waren etwa zwei Drittel des Rohbaus fertiggestellt. Das Grundstück wechselte den Besitzer, gehörte nun der Baufirma MBN mit Sitz in Georgsmarienhütte, Niedersachsen.

Auf seiner Webseite betont das Unternehmen die soziale Verantwortung, die es mit seinen Projekten deutschlandweit wahrnehme. „Die MBN-Familie engagiert sich für kulturelle und soziale Projekte“, heißt es da.

Das Kultur-Projekt sollte „Hamlet“ heißen

Eine Gruppe Kreativer um den Tresor-Gründer Dimitri Hegemann sieht in dem unfertigen Haus an der Köpenicker Straße Anfang der Zehnerjahre vor allem eins: Potenzial. Raum für das, was Berlin zunehmend fehlt. Für kleine Kreuzberger Gewerbetreibende aus der Musikbranche zum Beispiel.

Für einen Plattenladen, Studios, Ateliers. Ein Restaurant, einen Gemeinschaftsgarten auf dem Dach. Und perspektivisch auch für günstigen Wohnraum. Sie stecken viel Zeit und Geld in das Projekt, das sie „Hamlet“ nennen.

Die Idee: Die Schweizer Stiftung Edith Maryon, die in Berlin schon einige Häuser aus der Verwertungsspirale geholt und zuletzt einen Großteil der ehemaligen Kindl-Brauerei in Neukölln erworben hat, soll die Ruine von MBN kaufen. Und dann in Erbbaupacht an eine Genossenschaft übergeben, die das Projekt realisiert.

Die Gespräche mit MBN laufen gut. Im Januar 2016 stellt der Bezirk der Terra Libra GmbH, der deutschen Tochter der Stiftung Edith Maryon, einen positiven Bauvorbescheid aus. Ein großer Erfolg für das Projekt, denn die Köpenicker Straße 139/40 befindet sich in einem Schutzabstand zum Chemieunternehmen Otek, das laut EU-Richtlinie als „Störfallbetrieb“ gilt. In einem Kreis von 260 Metern um diesen Betrieb gelten für Bauvorhaben besondere Auflagen.

Plötzlich meldete sich der Eigentümer nicht mehr

„Wir waren schon recht weit“, erinnert sich Ulrich Kriese, Sprecher der Edith Maryon Stiftung. Eine Architekturstudie war erstellt worden, ein Projekt mit Studenten der Humboldt-Uni erfolgreich abgeschlossen. Doch als Hegemann, Kriese und ihre Mitstreiter denken, der Deal stünde ganz kurz bevor, kommt es bei MBN zu einem Wechsel in der Geschäftsführung. Der neue Geschäftsführer Torben Stumpe zeigt sich im April 2016 noch offen für das Projekt. Doch dann passiert nichts. Bis heute.

Auf Tagesspiegel-Anfrage, was die Baufirma denn mit dem Grundstück vorhabe, schreibt MBN-Sprecher David Meyer: „Wir befinden uns derzeit in der Konzeptphase und können Ihnen keine detaillierten Informationen übermitteln.“ Im April 2020 solle man sich noch mal melden, dann könne er „neue Exklusivinformationen“ mitteilen.

„Was mich einfach nervt“, sagt Hegemann, „dass wir uns den Arsch aufgerissen, Geld investiert und mit Ämtern gesprochen haben. Und plötzlich ist alles vorbei.“ Hegemann fährt jeden Tag an der Ruine vorbei. Der Anblick dieses zerfallenden Potenzials schmerzt ihn. „Warum lassen sie diese Bausubstanz verrotten?“

Jedes Jahr steigt der Wert um zehn Prozent

Die Antwort darauf hat vielleicht Mittes Baustadtrat Ephraim Gothe (SPD). Er sagt, das Grundstück gehöre zu jenen, die in der jüngeren Vergangenheit ihren Wert jedes Jahr um zehn Prozent steigern konnten. „Das ist im Prinzip eine sehr gute Wertanlage.“ Eine Bauverpflichtung hat das Unternehmen hier nicht, weil es keinen Bebauungsplan gibt. „Das ist eine desolate Situation“, sagt Gothe. „Es ist wichtig, dass diese Ruine mit Leben erfüllt wird.“
Ideen dafür gibt es genug. „Wir glauben, dass es ein Raum sein muss für verschiedene Kunstformen: Musik, Literatur, darstellende Kunst“, sagt Leichsenring von der Clubcommission. Aber das ist Zukunftsmusik.

LAURA HOFMANN